Herrin der 1'000 Fäden und Tasten

Martina Marcona

Eigentlich wollte Martina Marcona am Konservatorium Klavier studieren. Doch das Heimweh hat sie zurück ins Val Müstair kehren lassen, wo sie in einer der letzten professionellen Webstuben der Schweiz, der Tessanda, die Kunst des Handwebens erlernte. Ihre Passion für Musik hat sie dennoch nie aufgegeben: Sie ist Mitglied in der Rockband «Diabolics» und Organistin in der Kirche.
Martina beim Zetteln

Den Faden nicht verlieren

«Das Einrichten des Webstuhls mache ich am liebsten. Da fühle ich mich als Herrin der 1'000 Fäden», sagt Martina Marcona stolz. Bis zu 2'500 Fäden müssen dabei gezettelt, eingezogen und verknotet werden. Fehler darf sie sich keine erlauben, denn beim Einrichten wird die Basis für die handgefertigten Produkte der Tessanda gelegt. Von Geschirrtüchern und Paschminas über Sportbeutel bis hin zu Teppichen und Liegestuhlbespannungen ist alles dabei. Natürlich sind auch individuelle Unikate möglich.

Stoffe der Tessanda Val Müstair.

Schuss um Schuss zum Stoffgenuss

Klappern und Klacken ertönt durch die alten Webstuben: Es ist das Geräusch, das entsteht, wenn die Weberinnen ihre «Schiffli» mit den unterschiedlichen Fäden und Farben durch den Webstuhl schiessen. Indem sie mit ihren Füssen bis zu zwölf Tritte betätigen, heben und senken sich die Schäfte und das gewünschte Muster entsteht. In den letzten Monaten haben es Martina Marcona und ihre Kolleginnen geschafft, ihren Traditionsprodukten mit neuen Mustern und Farben sowie personalisierten Etiketten einen modernen Touch zu verleihen. Dass man online bestellen kann, versteht sich von selbst. Ein Besuch der Tessanda in Sta. Maria lohnt sich dennoch.  

Traumjob Handweberin?

Doch Handweberin zu werden war keineswegs der ursprüngliche Plan: Nach einem Jahr am Konservatorium in Winterthur zog das Heimweh die junge Münstertalerin wieder zurück ins Val Müstair. Wie auch schon andere Frauen in ihrer Familie, hat Martina Marcona sodann in den 80ern eine Ausbildung als Handweberin in der Tessanda absolviert. Etwas, das sie rückblickend nicht bereut, denn: «Das Val Müstair mit seiner eindrücklichen Bergwelt, seiner Kultur, Sprache und seinen Menschen ist für mich der Inbegriff von Heimat.»

Herrin der 1'000 Tasten

Dass sich Martina Marcona auch von der schieren Anzahl Tasten einer Orgel nicht verunsichern lässt, beweist sie als Aushilfs-Organistin in der Kirche. Doch richtig in ihrem musikalischen Element ist sie, wenn sie am E-Piano mit der Band «Diabolics» rätoromanische Rocksongs spielt. Seit über 20 Jahren ist die Band wie ihre zweite Familie. Und wie richtige Rocker spielen auch sie ohne Noten. Ihre Songs entstehen in einem kreativen Prozess: «Fast so, wie wenn ich neue Stoffmuster ausprobiere und entwickle.»

Zum Thema passend

Mehr anzeigen
Produkte
Handweberei Tessanda
Mehr anzeigen
Erntedankfest in Valchava
Sprache & Tradition
Mehr anzeigen
Diabolics
Diabolics

Mehr über die Handweberin Martina Marcona

Das Weben im Blut 

Bereits Martina Marconas Mutter, Schwester und andere Familienmitglieder haben in der über 90-jährigen Geschichte der Handweberei Tessanda in Sta. Maria den anerkannten Beruf der Weberin erlernt. Gerade in früheren Zeiten war die Tessanda eine wichtige Institution, die es den Frauen des Tals ermöglichte, einen Beruf zu lernen und so ein Einkommen zu erwirtschaften.  

Martina Marcona, Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, schätzt sich glücklich, dieses Handwerk erlernt zu haben. In den Jahren, in denen sie sich vor allem um ihre Familie kümmerte, hatte sie deshalb sogar einen Webstuhl zu Hause, so sehr gefällt ihr ihre Tätigkeit. Jetzt, wo die Kinder ausgeflogen sind, ist sie zurück an ihrem Arbeitsplatz in der Tessanda.   

Nichts für schwache Nerven  

«Das Einrichten des Webstuhls mache ich am liebsten. Da fühle ich mich als Herrin der 1'000 Fäden», sagt die Münstertalerin stolz. Denn es gilt, bis zu 2'500 Fäden zuerst am Zettelbaum zu einer Kette zu wickeln, danach auf dem Webstuhl richtig einzuziehen und am Ende die Schäfte mit den Tritten zu verknoten. Eine Arbeit, die eine ruhige Hand und höchste Konzentration erfordert und auch mal mehrere Tage in Anspruch nehmen kann. Fehler darf sie sich dabei keine erlauben. Die Makel im Muster würden sich durch den ganzen Stoff hinweg durchziehen.  

Was Martina Marcona auch fasziniert: je nach dem, welche Fäden später beim Weben verwendet und welche Tritte betätigt werden, entstehen auf ein und demselben Webstuhl bei gleicher Einrichtung ganz unterschiedliche Muster und Stoffe. «Meine Arbeit ist viel kreativer, als man auf den ersten Blick meinen würde.» Am liebsten webt Martina Marcona mit reinem Leinen, da dies sehr viel Feingefühl erfordert.   

Millimeterarbeit  

Ist der Webstuhl einmal eingerichtet, geht es ans Weben. Routiniert schiessen die Mitarbeiterinnen der Tessanda ihre «Schiffli» mit den unterschiedlichen Farben zwischen den Fäden durch den Webstuhl. Gleichzeitig betätigen sie mit ihren Füssen die bis zu zwölf Tritte, durch die die Schäfte mit den Kettfäden angehoben und gesenkt werden und so das gewünschte Muster entsteht. Das dabei erklingende laute Klappern und Klacken ist im ganzen Haus zu hören – der Grund, warum die Frauen bei ihrer Arbeit einen Gehörschutz tragen.  

Und so werden Millimeter für Millimeter Stoffe für die vielseitigen Produkte der Manufaktur gewoben: Von Geschirrtüchern über Sportbeutel und Paschminas bis hin zu Teppichen und Liegestuhlbespannungen. Um der Konkurrenz aus Massenproduktion zu trotzen, haben sich die Weberinnen der Tessanda in der letzten Zeit insbesondere in Bezug auf Farben und Muster neu erfunden und ihren Produkten so trotz Traditionsverbundenheit einen modernen Touch verliehen. «Wir dürfen nicht stehenbleiben und müssen uns immer wieder etwas neues einfallen lassen». Dass die handgefertigten Traditionsprodukte auch online gekauft werden können, versteht sich da ganz von selbst.  

Klavierstudium mit Nebenwirkungen  

Doch Handweberin zu werden war keineswegs ihr Traumberuf. Im Gegenteil: Bereits in jungen Jahren ermöglichten es ihre Eltern Martina Marcona, ein Studium am Konservatorium in Winterthur zu beginnen. Und obwohl das Klavierspielen ihre grosse Leidenschaft war und ist, zog sie das Heimweh nach ihrem geliebten Val Müstair nach einem Jahr in der Stadt wieder zurück in die Heimat.  

«Die Menschen in unserem Tal, unser romanischer Dialekt, das ‘Jauer’, unsere gelebte Kultur und die archaische Bergwelt haben mir einfach zu sehr gefehlt.» Auf einem lauschigen Bänkli oberhalb ihres Hauses lässt Martina Marcona nach getaner Arbeit ihren Gedanken freien Lauf. Beim Blick über ihren Heimatort Valchava fühlt sie sich so richtig zu Hause.  

Herrin der 1'000 Tasten 

Die Musik spielt bis heute eine wichtige Rolle in Martina Marconas Leben. Mehr durch Zufall ergab sich bereits in jungen Jahren ein Engagement in der reformierten Kirche im Tal als Aushilfs-Organistin. Einmal im Monat umrahmt sie seither den Sonntagsgottesdienst musikalisch und beweist, dass sie sich auch von der schieren Anzahl Tasten und Pfeifen einer Orgel nicht einschüchtern lässt. «Ich bin aber keine professionelle Organistin» betont sie bescheiden.  

Ebenfalls dem Zufall geschuldet ist Martina Marconas zweites musikalisches Engagement: «Mein Bruder hat mich vor 23 Jahren angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm und einigen Freunden die Rockband «Diabolics» zu gründen». Denn am Klavier ist die Münstertalerin voll und ganz in ihrem Element.

Ein Rocksong wird «gewoben» 

Seither ist die fünfköpfige Band, die vor allem Rocksongs auf Rätoromanisch kreiert und spielt, immer mehr zu einer zweiten Familie geworden. Einige Male pro Jahr haben sie Auftritte an Openairs oder anderen Anlässen in- und ausserhalb des Val Müstair und zeigen stolz eine moderne und doch verwurzelte Seite ihrer Heimat.  

Wie richtige Rocker spielen auch die «Diabolics» ohne Noten. Zu Beginn eine ziemliche Umstellung für Martina Marcona, die aus der Klassischen Musik kam und plötzlich in die Welt des Rock eintauchte: «Wenn Ivan eine neue Idee für einen Songtext hat, dann kommt die Melodie wie in einem Brainstorming dazu. Wir spielen drauf los, diskutieren, probieren Dinge aus und irgendwann spüren wir: Das ist es! Ein kreativer Prozess – wie auch beim Entwickeln von neuen Stoffen und Mustern» schwärmt sie und ihre Augen leuchten. Mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu: «In den letzten Jahren ging es immer ein wenig mehr in Richtung Rock-Balladen. Vielleicht liegt das am Alter…».